Kategorie: Meine Liebe Seite 3 von 5

Der Streckenposten

Der Streckenposten

oder

die 🇩🇪 Tour

zu Gast in Stuttgart

„Bist du deppert hier die Straße zu sperren!“, wurde ich richtig wütend angeschnauzt. „lch hab zwei kleine Kinder im Auto und der Opa wartet auf sein Essen“ schrie die junge Mutter mich hysterisch weiter an! Andere aufgebrachte Autofahrer kamen dazu ich kam in schwitzen in meiner gelben Warnweste. Was war passiert?

Der Morgen fing eigentlich so schön an. Die Regenwolken der Nacht hatten sich verzogen, die ersten Sonnenstrahlen, herrlich. Ich traf mich mit Marc von der Radbande und wir fuhren plaudern den Neckar entlang. Querten den Neckar und bogen in die Rems, ein kleines verwunschenes Tal in Richtung Schorndorf, mein Ziel als Streckenposten für die Deutschlandtour des Jedermannrennen, ein. Dort sollte ich für 2 Stunden eine Straße sperren. Wir trafen auf die Stuttgardia Kumpels zur Einsatzbesprechung. Die Warnwesten wurden verteilt, die letzten Anweisungen. Ich war auf meinem Posten. Das Rennen konnte beginnen.

Der Streckenposten

Die Deutschlandtour, ein vier Tages Rennen der Profis und das Finale in Stuttgart. Auf der Theodor – Heuss Straße, genannt einfach „Die Theo“. Ein Spektakel. Die ganze Stadt, die ganze Region im Radsport Fieber. 2018 war die Tour schon Mal zu Gast in meiner Wahlheimat und ich meldete mich zum Jedermannrennen an. 100 km über gesperrte Straßen, über gesicherte Kreuzungen, einmal wie sich ein Profi in einem grossen Peloton fühlen. Gross.

Ja, mit dieser Erinnerung wollte ich Mal dazu beitragen so ein grosses Rennen als Streckenposten zu tragen. Mal die andere Seite der Medaille, mal „Einer“ von den hunderten von ehrenamtlichen Helfern zu sein. Ein kleines Rädchen. Ohne die so ein Rennen nicht möglich wäre. Aber auf das was dort kam war ich nicht vorbereitet….

Zur erst kamen die Polizei Motorräder mit Blaulicht in einem höllischen Tempo, dann das Einsatzfahrzeug mit der Roten Flagge. Das Zeichen für die Komplett – Sperrung der Rennstrecke. Wenige Minuten folgte schon eine Spitzengruppe. Die ersten waren verdammt schnell unterwegs. lm Ziel hatte der Beste ein Stundenmittel von 42 km/h auf der Uhr. Eigentlich schon Profi Tempo! Danach kam lange nichts. lmmer musste ich genervte Autofahrer zurück schicken. Viele wollten mit ihren Kindern ins benachbarte Freibad, einige einfach nur nach Hause. Alle brauchten Geduld an diesem Sonntag in Schorndorf. 3200 Rennradfahrer nahmen Teil und leider sind nicht alle so gut trainiert. Für einige war es auch ihr erstes Rennen. 25 km/h ist die mindest Durchschnittsgeschwindigkeit, danach kommt nur noch der Besenwagen. So mussten wir natürlich lange warten an meiner Kreuzung. Den ein oder anderen Autofahrer konnte ich ermuntern auszusteigen und dem Rennen beizuwohnen. Unter ständiges klatschen, aufmunternde Worte, motivierende Rufe feuerten wir gemeinsam jeden Amateur an. Jeder hat es verdient, jeder hat sein persönliches Leistungsvermögen, sein persönliches Ziel und wenn es nur ankommen und nicht vom Besenwagen eingesammelt zu werden bedeutet. Kurze Zeit später kam das Polizei Fahrzeug mit der grünen Flagge, das Zeichen meine Sperrung aufzuheben. Ich war erleichtert, bedankte mich bei allen für ihre Geduld. So schlimm war es doch nicht. Aussteigen, locker bleiben, sich in andere Hinein Versetzen, raus aus seinem Ego Tunnel eine halbe Stunde seines Lebens für ein Rennen, für den Radsport geben. Danke. Kurz traf ich mich noch mit meinen anderen Strecken Posten von der Stuttgardia und jeder erzählte noch eine weitere Anekdote an diesem Tag in Schorndorf.

Kumpels von RS Stuttgardia 1886 ev.

Ich verabschiede mich, schnappte mein Merida Reacto und fuhr auf der gleichen Strecke, überholte den Besenwagen, überholte erschöpfte Rennfahrer und winkte den anderen Streckenposten zu, die gerade ihre Straßen Sperrung abbauten. Jetzt hatte ich Bock ein Rennen zu fahren. Ich wurde immer schneller. Rein nach Stuttgart, den Pragsattel hoch im Wiegetritt am Killesberg vorbei feuerten mich die Zuschauer an. In meiner Phantasie war ich jetzt der Polit, der Egan Bernal oder doch der Adam Yates, führender der Deutschland Tour. Mit Tempo im Stile eines Abfahrers, tief klebend am Oberrohr raste ich den Stuttgarter Kessel runter. Jede Kurve voll ausfahren, wie auf Schienen, mit der Gewissheit:Die Straße ist für mich gesperrt, es kann kein Gegenverkehr kommen, kein Auto aus einer der vielen Kreuzungen. Allein auf meiner Rennstrecke bog ich auf die Zielgerade ein. Die Theodor- Heuss Straße, genannt „Die Theo“. (die Poser Strasse am Abend für PS starke Autos) Nochmal aus dem Sattel, jetzt 50 km/h und schneller stürmte ich durch das Ziel, begleitet mit Applaus der vielen Radsportfreunde aus ganz Deutschland, links und rechts der Bande, klopfend mit den Fäusten auf die Werbebande, ein Trommelwirbel zum Finale. Nur für mich. Danke.

Ich überhole den Besenwagen

Siegerehrung

Jetzt, im Ziel, ließ ich mich treiben, schlenderte die Theo ab, sog die autofreie Stadt in mich auf. Sah glückliche Finisher, mit ihren Medaillen, stolz baumelnd an der Brust. Benni von der Radbande kreuzte meinen Weg. Er ist unter die Top 100 gefahren. Klasse, und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Der Hubschrauber kündigte die Deutschlandtour an. Drei Runden mussten in der Stadt gefahren werden. 3 Mal den Herdweg mit seiner brutalen Steigung. Was für eine Show. Das ist Radsport zum Anfassen. Ich bin begeistert. Michel von der Radbande im Stromberg/RS Stuttgardia 1886 ev. kommt vorbei, genau in diesem Moment kracht ein Profi Rennfahrer in die Bande. (Matthias Jensen, zum Zeitpunkt 4 . in der Gesamtwertung, gute Besserung) So wie bei mir im Jedermannrennen schildert er seinen Unfall und zeigt mir seine Blessuren. Der Besenwagen hat ihn eingesammelt. Sieg und Niederlage liegen so dicht beieinander. Aber dabei sein, sich einbringen. Als Profi, Amateur, als Zuschauer, Funktionär oder als Streckenposten. Nur so wird daraus ein geiles Ding. Bei einem Glas Bier am Palast der Republik lassen wir den Radsport Tag ausklingen. Lecken unsere Wunden. Im Hintergrund hören wir die Englische Nationalhymne. Ein schöner Tag in Stuttgart.

Wunden lecken
So lief es bei den Profis

Zugabe

Strassenkunst

Dieses Foto hat Kristian bei einem Rad Rennen aufgenommen. Die Kinder (das kleine Mädchen am Bildrand mit ihrem kleiner Bruder🧸) am Strassenrand haben dieses Kunstwerk erschaffen. Er war so begeistert. Im Gespräch konnte er beide Geschwister für das Kinderradrennen begeistern und motivieren. So kann gelebter Radsport Hand in Hand mit den Anwohnern, mit der Bevölkerung gelingen.🥰

Sunday bloody Sunday

Sunday bloody sunday

oder

How long must we sing this song ?

Es ist kein Sonntag, kein blutiger Sonntag. Es ist heiss an diesem Donnerstag im Juni, sehr heiss. Ich stehe im Wiegetritt mit meinem Merida Reacto in der Vogesen Wand. Ich nehme meinem Radhelm ab um meinen Kopf mit Wasser zu kühlen. „Helm wieder aufsetzen“ brüllt Stefan von der Radbande mir zu, sonst bekommst du einen Sonnenstich! Vor hundert Jahren im 1.Weltkrieg hätte mich ein französischer Scharfschütze ins Visier genommen. Kopfschuss.

Auf Einladung unserer französischen Radfreunde vom VCV Valréas zu einem gemeinsamen Radsportcamp in Gérardmer, Vogesen bin ich mit den #Strombergbuben kommend aus Freiburg unterwegs. Ich denke an den Krieg im Donbass, (der sich zu einem erbitterten Stellungskrieg entwickelt) ich summe sundy bloody sunday von U2 vor mich her. How long, how long must we sing this song? Ja, vor hundert Jahren war hier in den Vogesen auch ein erbitterter Stellungskrieg. 30.000 deutsche Soldaten und bestimmt genauso viele Franzosen haben hier in den Bergen ihr Leben verloren. Was wird mich erwarten? Wie werden wir empfangen? Als Freunde, als Gegner, als Feinde oder als Brüder im Geiste? Wir erreichen Col de La Schlucht, rollen nach Gérardmer. Ein feiner hübscher Ort in den Vogesen Bergen auf Höhe von 600 Meter gelegen, unser Domizil für die nächsten 4 Tage. Die Sonne lacht, unsere französischen Radfreunde erwarten uns schon sehnsüchtig und bereiten uns einen warmen herzlichen Empfang. Wir verabreden uns für den nächsten Tag um 9:00 Uhr. Dann führt uns die Tour zum Grand Ballon! Ensemble.

Am Abend kochte Felix ein grossen Topf Spaghetti für die hungrigen Strombergbuben. Keiner von uns war je hier in den Bergen, keiner kennt die Steigungen, keiner kennt die gefährlichen Abfahrten. Es wird noch angeregt diskutiert. Mit vollem Magen und ein Glas Bier Kronenbourg  geht jeder mit seinen eigenen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen auf den nächsten Tag zu Bett.

Die Sonne lachte, nach einem Petit Dejeuner mit frischem Baguette, knusprige Croissants mit dick Butter drauf, einem Schluck Kaffee erreichen wir mit unseren schicken Merida Reacto, Renn Maschinen, die im Sonnenschein blitzten, unseren Treffpunkt hoch über Gérardmer im Skigebiet. Ein grosses Hallo Bonjour und shake hands mit unseren Freunden aus Valréas Es war angerichtet.

Le Markstein 1183

Das Peleton angeführt von Bruno Lauzier, setzte sich in Bewegung. Gemeinsam starten, gemeinsam ankommen. Schön ging es aus Gérardmer am See auf sanften Strassen entlang heraus. Das Tempo war moderat. Felix und Marc waren nervös, wollten schneller, zeigen was sie drauf haben. Wie junge Rennpferde beim Start in der Box. Nur ruhig Brauner, nur ruhig. Die ersten kleinen Cols wurden gemeinsam erreicht. Ich sah besorgt in den Himmel. Regenwolken zogen auf, es wurde merklich kühl. Ich hatte nur eine kleine Windweste dabei. Ein Fehler. Aber ich wollte Gewicht sparen. Wir bogen in die Passstrasse zum Grand Ballon ein, jetzt flog das Feld auseinander, jeder musste sein Tempo finden, sein Rhythmus. Die jungen fuhren jetzt wie entfesselt, sie waren in ihrem Element. Die jungen Franzosen hatten die Aufgabe bekommen den Deutschen als Wasserträger und Edelhelfer zur Verfügung zu stehen. So hatte ich stets den starken Teddy und  Alban an meiner Seite. Wie zwei französische Hütehunde liessen sich mich nicht aus dem Blick. Oben kurz vor am Gipfel spürte den Eisregen auf meiner Haut, der Wind peischte mir direkt ins Gesicht, die letzten kehren, den Gipfel im Blick. Adrenalin, pure Freude. Oben auf der Station, Schulterklopfen, rein ins Warme. Ein willkommener und wichter Espresso Stopp. Die Franzosen waren gut vorbereitet, hatten einen Besenwagen dabei. Teilten das mitgebrachte Baguette mit uns. Eine nette Geste!

So, nach dieser Pause, raus in die Kälte, raus in den Regen, raus in den Wind der um den Grand Ballon pfeifte. Charlie der alte Haudegen zog sich schnell noch eine alte Zeitung unters Trikot. Ein Trick aus alten Renntagen in denen mann  noch mit schweren Baumwollklamotten und mit Radschuhen die man an die Pedale gezurt hatte die Berge erklomm, berichtet er mir.

Alter Haudegen Charlie

Es gibt eine Strasse, die nennt sich Route de Crêtes. Eine Strasse die keine Dörfer verbindet. Eine Strasse im Schutze der Gipfel auf französischer Seite. Gebaut im 1.Wektkrieg um die Militärs mit Nachschub zu versorgen. Auf dieser Strasse fahre ich mit Tempo im Windschten der schweren Jungs 1. Präsident Wesley Lane und 2. Prasident Fabrice Winaud vom VCV Valréas. Nur nicht abreissen lassen, ich mach mich klein auf meinem Merida Reacto, das Tempo ist mörderisch. Immer wieder geht Fabrice aus dem Sattel mit seinen dicken Oberschenkeln. Hält das Tempo hoch, keine Verschnaufpause, selbst hinter diesem französischen Qualitatswindschatten! Aber wie geil ist den das. Hundert Jahre nach Kriegsende sause ich diese Strasse entlang. Kein Atilleriefeuer, keine Scharfschützen muss ich fürchten. Nur eins: drannbleiben!

Route de Crêtes

In Géradmer kommen wir dann gemeinsam  (wie versprochen) wieder an. Ein freudiges „a demain“ von unseren Französischen Radfreunden aus Valréas. Der nächste Tour Tag hat es in sich. 150 km 3000 Höhenmeter sind im Roadbook angegeben. Hoffenlich wird das Wetter besser. Sonst sterbe ich.

Planche des Belles Filles oder Super Planche des Belles Filles, diese Worte lassen jeden Rennfahrer erschaudern. Dort wurde die Tour de France schon entschieden, auf dem Weg zum Gipfel haben sich Dramen abgespielt. Greipel hatte seine Rennmaschine über die Ziellinie getragen. Dort wollen die Franzosen mit uns hoch. Was haben sie mit uns vor? Wollen sie uns leiden sehen?

Super Planche des Belles Filles 🥵

Die Morgensonne über Gérardmer lachte, die Gewitterwolken der Nacht hatten sich verzogen. In zweier Reihen führte uns Bruno und Jacques aus dem Ort über den ersten kleinen Col de Rupts. Meine Beine waren gut, erstaunlich gut. Mit Tempo wie an einer Perlenkette gereiht fuhren wir die schönen Täler der Vogesen entlang und in Windeseile errichten wir Thillot und begrüßten die mit dem Auto angereisten Radfahrer, die sich ein paar Kilometer sparen wollten. Im grossen deutsch französischen Peloton fuhren wir freudig weiter. Nichts ahnend was dort noch auf uns zu kam. Der erste Anstieg, die ersten steilen Rampen, ich glaub die wollen uns verarschen, die wollen uns grillen, die wollen uns leiden sehen. Das kann doch keine normale Strasse sein? Über 18%. Ich kotz. Ich fahre mit einer Profimaschine, Kompakt 52/36, Kassette 11/32. Im Wiegetritt versuch ich meinen Rhythmus zu finden. An meiner Seite Präsident Charlie. Gottseidank, er muss auch leiden, muss auch kämpfen. Oben am Col wird jeder noch mal die letzten Meter angefeuert. Ich entdecke ein Schild. Ja, hier ist auch die Tour de France gefahren und Thibaut Pinot hält mit 11:28 Minuten den Rekord.

Col de Chevreres 916 Meter

Ein Erinnerungsfoto, warten auf den letzten. Einfach guter Radsport. Jetzt die Abfahrt nach Planche les Mines, der Start in den Berg, in den Mythos, in dem schon die Tour de France entschieden worden ist. Teddy steckt mir noch schnell einen Riegel zu, ich nehm‘ ein Schluck aus der Trinkflasche. Jetzt ist jeder auf sich allein gestellt. Ein grosses Poster am Wegesrande. Jan Ulrich in lebensgross auf seiner Rennmaschine mit entschlossenen Blick motiviert mich auf meine letzten Reserven zu greifen. Ich geb‘ alles. Die letzte Kehre, die letzten 18 %! THIBAUT PINOT , THIBAUT PINOT, THIBAUT PINOT in grossen Buchstaben auf der Strasse signalisieren mir das Finale. Ich versetze mich in einen Tour Sieger. Das Trikot zu ziehen, freihändig nehme ich die Siegerpose ein. Applaus, Applaus  Applaus. Fahre ich dem Ziel entgegen. Gutes Gefühl, so ein Tour Sieg.

Ein Tour Sieg?

Wer nun gedacht hat, das war’s. NEIN. Ein Col musste noch erklommen werden. Ballon de Servance 1216 Meter Hoch. Kleine Strassen, frei von Autoverkehr, frei von Motorrädern, frei von jeglichem Lärm der Civilization. Charlie nimmt Jacques Leclerc im Windschatten mit, jetzt sind die Rollen vertauscht. Der Deutsche gibt dem Franzosen die Unterstützung die er braucht um gut den Berg zu erklimmen. Ich lass abreissen, muss meinen eigenes Tempo mit meinem Merida Reacto am letzten Col finden. Die Strombergbuben wissen: Der Coach kassiert sie alle in der Abfahrt. Und so wars. Den Bremspunkt immer am Limit, nochmal aus der Kurve beschleunigen, ungläubigen, verwunderten Blicke meiner Radfreunde aus Valréas rausche ich an ihnen vorbei in das Tal und erreiche als erster das Ziel. Kleiner Spass. Schön wars.

Bruno, Teddy, Jaques, Pierre, Alban, Maurice, Didier kamen an mich herangefahren, klopften mir herzlich auf die Schultern. Ein kühles Bier und ein gutes Abendessen heute Abend bei uns sprach der 1.Président Wesley Lane die Einladung aus. Das habt ihr Euch verdient, lobte Bruno die deutsche Equipe! Grosse Freude bei den Strombergbuben. Am Abend wurde gut getrunken, gut gegessen, es wurde viel gelacht! Präsident Charlie hielt eine Staatstragende Rede und betonte wie wichtig die Deutsch – Französische Freundschaft für Europa ist. Wir haben viel in den letzten 70 Jahren erreicht. Aber das erreichte zu behalten, zu erhalten, sind immer wieder Anstrengungen nötig. Nichts ist selbstverständlich. Wie am Berg: wir brauchen Wasserträger und Edelhelfer. Das Peloton ist immer stärker als der einzelne Ausreisser. Überwinden wir Grenzen, überwinden wir Sprachbarriere, überwinden wir Vorurteile. Liberté, Égalité, Fraternité

Charlie und Bruno tauschten die Trikots und bekräftigten durch diese Geste ihre Freundschaft. HERZERGREIFEND

Charlie💪🇩🇪 et Bruno🤝🇨🇵

Radfahren ist kein Spiel, Radfahren ist ein Sport. Hart, unnachgiebig und unerbittlich und man muss auf vieles verzichten. Man spielt, Fussball oder Tennis oder Hockey. Aber man spielt nicht Radfahren - Jean de Gribaldy

Zugabe

für Profis

Stand by me

oder

die Bande vom Gräfenberg

Stand by me, oh, stand by me 
Oh, stand, stand by me 
Stand by me Stand by me oh oh, oh …. 

Das Lied geht mir nicht aus dem Kopf, ein richtiger Ohrwurm. Ich bin mit der Radbande im Stromberg unterwegs, heute mal auf eine Plauderrunde oder auch Babbel Tour genannt. Immer hab’ ich wechselnde Buddys an meiner Seite. Es wird gefachsimpelt über neue technische Details an unseren Rennmaschinen. Ich nicke interessiert mit dem Kopf, bin aber raus, verstehe kein einziges Wort.  “ Basti, hab’ mir ein neues Rad bestellt aus dem Internet, nicht in meiner Wunschfarbe, aber dafür auf Lager”, ruft mir Marc von der Seite zu. “ Ok, ist jetzt das Fünfte in deiner Sammlung! Ja, brauch ich, du weißt, muss für jedes Terrain und Wetter gerüstet sein”, erklärt er mir salopp. Ich nicke und denke an mein erstes Rad: das hab’ ich aus dem Müll gezogen! 

Wir wohnten am Boppengraben, vor unserer Haustür: die Müllgrube aus dem Ort. Ich weiß nicht was alles dort entsorgt worden ist, aber Mülltrennung, Sondermüll und Sperrmüll gab es in unserem Wortschatz damals nicht. Ein spannender Abenteuerspielplatz für mich auf jeden Fall. So zog ich zwischen Reifenteile, Ölkanister, Sperrholz und Kleidungsreste ein kleines Fahrrad aus dem Dreck. Bestimmt musste mein Vater die Reifen flicken und die Kette ölen, aber aus meiner Erinnerung stand es, wie aus einem Katalog bestellt, fahrbereit vor mir. Ein Traum. 

In aller unserer Leben kommt die Zeit in der die Kindheit endet

Eine Zeit, in der nichts mehr ist wie zuvor.

Ich nehm‘ Euch mit, in mein Dorf, in meine Kindheit. Das nächste Haus war 300 Meter entfernt. Genannt, das „Weisse Haus“. Ein Arbeiter Haus für den nahegelegenen Steinbruch in dem einmal Kalk abgebaut wurde. Dort lebten 3 Familien: die Krebsen’s, die Boek’s und ein GI (US – amerikanischer Soldat) mit seiner Frau. Entweder die Kinder waren schon zu alt oder zu jung zum Spielen. In meinem Alter gab es die Patricia, sie war taff, aber halt doch ein Mädchen.

Das Dorf war ungefähr 2 km entfernt. Über einen kleinen Waldweg konnte man sich ein paar Meter sparen. Es ging entlang des Gräfenbergs auf dem im 12 Jahrhundert eine Burg thronte. Dort lebten einst die Griefenberger Grafen. In unserem Baumhaus tief im Wald erzählten wir uns Schauergeschichten und spielten die Sage aus dem Mittelalter der Spessarträuber mit einer selbstgebastelten Ritterrüstung gekonnt nach. Wir waren die Bande vom Gräfenberg. Und ich war natürlich Robin Hood, der Rächer der Enterbten. 

Zur gleichen Zeit wohnten – der Legende nach – auf dem gegenüberliegenden Klosterberg ehemalige Tempelritter, die aus Frankreich geflohen waren. Zwischen den Bewohnern der beiden Berge gab es ein Schutzbündnis. Sollte je den Griefenberger Grafen oder den Templern Gefahr drohen, so sollten sie eine Glocke läuten, um den jeweils anderen Bündnispartner zu Hilfe zu rufen. Eines Nachts wurden die Templer überfallen. Sie läuteten die Glocke, um die Griefenberger Grafen zu Hilfe zu rufen, doch vergeblich. Die Templer wurden besiegt und getötet. Der Grund jedoch, weshalb ihnen die Grafen vom Gräfenberg nicht zu Hilfe geeilt waren, war, dass sie selbst ihre Bündnispartner überfallen hatten. Als der Erzbischof von Mainz von dieser Tat erfuhr, ließ er die Burg der Griefenberger Grafen schleifen und die Grafen selbst hinrichten. Seitdem wandeln auf dem Gräfenberg „von Zeit zu Zeit drei finstere Gestalten, nicht in ritterlichem Schmucke, sondern vermummt wie Räuber, mit großen Schlapphüten“.

Mein täglicher Schulweg führte mich an Getränke Röpke vorbei. Im Untergeschoss des Einfamilienhauses lagerten die Getränkekisten. Der Sohn Heiko war ein Schulkamerad und die Spezi und Orangenlimonade mein Lieblingsgetränk. Wenn ich heute durch unsere großen Lagerhallen schlendere, nehme ich oft den gleichen Geruch von damals auf. Wenn mein Chef Gerhard Kiesel diese Zeilen liest, wird er mir bestimmt zustimmen. Er hat sein Getränke Unternehmen auch aus einer kleinen Garage heraus gegründet. 

Steil ging es in den Ort, auf der rechten Seite die einzige Tankstelle, wir passieren den alten Friedhof, nicht mehr weit auf der linken Seite, der Schuster Amrhein. Ein kleiner hagerer Mann mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Von seinem Fachwerkhaus blickte er aus seinem kleinen Fenster hinter Türmen von alten Schuhen, die er alle noch reparieren musste, auf die Straßenseite. Er hatte alles im Blick. Auf Termin hat er nicht gearbeitet. Aber meine Fußballschuhe hat er besonders schnell geflickt. Danke. 

Rechts die Feuerwehr, daneben die einzige Telefonzelle in Gelb, gegenüber das Grüne Tal mit Metzgerei, an der Seite der Schaukasten des Fußballvereins. In diesem bescheidenen Schaukasten spielte sich das Leben ab. Besser als jede Tageszeitung. Ah, ja, ich steh auf dem Spielberichtsbogen. Mit der Trikotnummer 5 für den Libero und die 10 hatte natürlich der Olli. In der Metzgerei gabs die besten Knackbeisser. Waren aber immer vergriffen oder noch zu frisch, mussten ein bisschen abgehangen sein. Olli hat mir einen Trick verraten: “Du musst die Würste ins Gefrierfach packen, dann schmecken sie am besten.” Mir läuft heute noch das Wasser im Munde zusammen. 

Man beachte den Schaukasten…

Nun haben wir den Stachus, die Ortsmitte erreicht. An der Ecke die Sparkasse und gegenüber der Bäcker Müller. Dort kaufte ich mir von meinem Taschengeld einen Mohrenkopf im Brötchen auf dem Weg zur Schule. Das geschmierte Leberwurstbrot meiner Mutter gab ich konspirativ Martin, meinem Freund und Sitznachbar. An der Seite wohnte der Fußballtrainer, sein Sohn Michael war mein Schulkamerad, so spielten wir oft im Innenhof Fußball. Er der Torwart, ich der Stürmer. Sein älterer Bruder Thomas (mit einer Behinderung zur Welt gekommen) auf dem Dreirad gab klare technische Tipps. Inklusion war damals schon gelebt. 

Was heute als unverpackt wieder richtig modern wird, war damals der Tante-Emma-Laden, die Vrone. Ich hab’ es geliebt dort meine Süßigkeiten aus den Holzschubladen zu bekommen. Ich kann mich noch an einen Satz meiner Mutter erinnern: die Vrone wird nicht immer mit den besten Waren vom Großhändler beliefert. Das fand ich ungerecht. So wurde das Geschäft weniger und der Laden geschlossen. Aber ich bin froh, Veronika Steigerwald kennengelernt zu haben. Wird die nächste Generation das später von einer Aldi oder Lidl Filiale auch mal sagen? 

Gegenüber schnell noch zur Maria in die Metzgerei Lisges auf ein Stück beste Fleischwurst. Lecker! Ihr gehörte auch der Gasthof „Zum Löwen“, der schöne Biergarten unter einer prachtvollen Linde und im Obergeschoss befand sich ein großer Tanzsaal. Man ging zur Maria. Herzlich, authentisch, bodenständig. Sie hatte das “Rollermischer Herz” am rechten Fleck. Ein, zweimal im Jahr kamen auch fahrende Marktbeschicker vorbei und verkauften ihre Schuhe und Textilien in dem Saal. Dort habe ich meine ersten Fußballschuhe her. Von adidas, die “Pierre Littbarski”, jetzt nur noch die gleichen Tricks und die gleichen Moves im Training. War ich stolz. 

Eine Institution war natürlich der Eyrich. Der Edeka im Dorf. Er hatte alles, oder konnte alles besorgen! Mit seinem Mercedes Benz fuhr er auch vollbepackt in die verwinkelten Dörfer des Spessarts um die Menschen mit dem nötigsten zu Versorgen. Ich glaube, Konrad Eyrich stand noch mit 90 hinter der Kasse. Es war seine Pflicht und Berufung zu gleich. Mein Bruder Max hatte die letzten 70er Jahre Hemden aus 100% Polyester abgestaubt. Kult. Ich hab’ ihn dafür gefeiert. 

Es ging in den Burgweg. Auf halber Höhe wohnte mein Klavierlehrer, Herr Thomas Lippert. Ja, ich hatte Klavierunterricht! Ich bin unmusikalisch. In der 3. Klasse im Fach Musik wurde ich aufgerufen, an die Tafel zitiert und sollte vorsingen. Ich glaube, Frau Hagitte, die Grundschullehrerin taten schon die Ohren weh, aber sie ließ nicht locker und mit einer: “6, Setzen!” strafte sie mich vor der ganzen Klasse ab. Das war der Ansporn mein musikalisches Talent doch noch zu fördern. Ein Klavier wurde besorgt. Jetzt war ich der Stolz der Oma. 2 Jahre hab’ ich eisern durchgehalten, aber bei „Figaros Hochzeit“ war Schluss. Herr Lippert war nicht der Meinung, dass ich talentlos sei, ein bisschen mehr Üben würde schon Erfolge bringen. “Warum kann ich locker zehnmal den Ball hochhalten, warum bin ich der letzte auf dem Feld beim Völkerball? Warum werde ich als erster ins Fußballteam gewählt? Weil ich Talent habe,” sagte ich ihm als 9-jähriger Steppke. “Und warum sind meine Hände zwischen den Weiß – Schwarzen Tasten nicht so flink?” Ja, insgeheim wusste er schon, das wird nichts mit mir, aber die 10 Mark pro Stunde waren ja auch bei einer Niete das gleiche Geld, dachte er insgeheim. 

So, nun noch den Buckel hoch, dann haben wir meine Grundschule erreicht. Frau Müller, Frau Hagitte und Herr Friedel, so hießen meine Lehrer. Der Ort meiner friedvollen Schulzeit, nur vor dem Hausmeister musste man sich in Acht nehmen! Der hat schon mal Schläge verteilt.  

‘I Never Had Any Friends Later On Like the Ones I Had When I Was Twelve.’ 

Ich erwache aus meinen Tagträumen, bin immer noch im Windschatten der Radbande. Genannt die Strombergbuben. “Hey Basti, du fährst heute so komisch auf deinem Rennrad, als wäre es dreimal zu klein,” rief Benni von der Seite. “Ach, wirklich” und schmunzelte innerlich. “Espresso Stopp im Kuchenglück” kündigte Präsident Charlie an. “Ja, ich nehm‘ ein Mohrenkopf im Brötchen von der Bäckerin Rosel,” verwunderte Blicke von allen Seiten! 

Es sind meine Rosen des Winters. Es sind meine Erinnerungen. Es ist mein Leben.  

Bleibt gesund, bleibt mir treu. Der Coach. (Euer Basti)

Zugabe

die Bande unterwegs

Isarausblicke

Die Isar

oder

die Suche nach der versunkenen Kirche von Fall

Nein, die Schuhe nehme ich auf jeden Fall in den Rucksack mit rein! Aber Miri, jedes Gramm zählt bei dieser Wanderung an der Isar entlang, so meine Argumentation. Ich will nicht am Abend in nassen, verschwitzten Wanderschuhen im Restaurant sitzen. Passta! So packten wir unsere Rucksäcke für die 3 Tageswanderung kommend von München über die Städte Wolfratshausen, Bad Tölz und Lenggries. Unser Ziel: Der Sylvensteinsee. Dort, nach einer Sage, soll man in gewissen Momenten die Kirchturmspitze des versunkenen Dorfes von Fall aus dem Wasser blitzen sehen.

Naturbursche

Höllriegelkreuth erreichten wir Drei motiviert mit der S7. Der Start unserer Isarwanderung. Kühl, aber trocken, die ersten Sonnenstrahlen begleiteten unsere ersten Schritte. Wir passierten den Klettergarten Beierbrunn, eine schöne Erinnerung aus drei vergangenen Eiszeiten. Steil ging es den Abhang zu Isar herunter. Chablis, unser Hütehundmix aus den Kaparten, dem konnte es gar nicht schnell genug gehen und er stürmte uns voraus zum Wasser. Kühles Isarwasser schlabbern. Lecker. Nicht weit sahen wir den Georgsstein, ein grosser Felsblock mitten im Flussbett. Ein gefürchtetes Hindernis zur Zeiten der Flösserei. Ein guter Platz für unsere erste Rast.

Lecker kühles Isarwasser

Auf kleinsten Wegen entlang empfindlicher Feuchtgebiete nahmen wir Kurs auf breiteren Forstwegen um die Natur und den Lebensraum von seltenen Tieren zu schonen. Hier möchte ich auch an die vielen Mountainbikern appellieren diese Wege zu meiden. Die vielen tiefen Furchen der Stollenreifen verraten leider das Gegenteil.

Hochwasser

Ist das ein Fliegenpilz?, hier am Wegesrande fragte Miri. Weiss nicht, aber essen würde ich ihn lieber nicht. Und, erkennst du Steinpilze, lockte mich Miri aus der der Reserve. Weiss auch nicht, aber wie man sie lecker in der Pfanne bruzzelt! Ich bekam ein bisschen Hunger. Du kannst Dich gut von Samen und Nüssen jetzt im Wald ernähren. Ok, zur Bestätigung gab sie mir ein paar Engelwurz Samen in die Hand. Schmeckt wie Anis, aber Bitter murmelte ich! Unser Weg führte uns entlang der Isarauen, über kleine Pfade, über kleine Brücken, unter umgestürzte Bäumen auf einen Damm. In weiter Ferne konnte wir das Kloster Schäftlarn erkennen. Ein bayrisches Ur- Kloster aus dem Jahre 762. Hoffentlich hat das Klosterbraustüberl offen. Uns Drei knurrte mächtig der Magen. Wandern macht hungrig.(und durstig) Im Sonnenschein trafen wir im Biergarten ein und aus der Küche kamen verlockende Düfte. Ein Schweinebraten mit dunkler Soße mit zweierlei Knödel, ein Veggi Burger und zwei Halbe Löwenbraü Helles später, war die Seele der Isar Wanderer zufrieden. Mit einem aufmunternden Cappuccino konnte der Isar Trip weitergehen. Auf nach Wolfratshausen, die Flösserstadt. Kein Bachlauf, kein Abhang, keine Steigung konnte uns aufhalten. Im vollen Sonnenlicht erreichten wir unsere erste Herberge. Das Landhaus Café in Wolfratshausen. Herzlicher Empfang und gleich einen Tisch für den Abend im Restaurant reserviert. Ein schöner Abend mit Anne und Max rundete unseren 1. Wandertag an der Isar gelungen ab.

Max erinnerte mich noch an das „Wolfratshausener Frühstück“ in dem Angela Merkel dem damaligen CSU Vorsitzender Edmund Stoiber die Kanzler Kandidatur anbot. So hatte unser gemeinsames Frühstück am morgen im Landhaus Café ein historisches Vorbild. Schön. Nach zwei gekochten Eiern, einige Croissant und eine große Schüssel Müsli waren wir gestärkt für unsere zweite Tour entlang der Isar. Nach Bad Tölz, das Kolberbräu Hotel in der Marktstraße war unser Ziel. Mit dem Bus fuhren wir nach Königsdorf. Über sanfte Wiesen und Wälder kamen wir in einen tiefen dunklen Wald. Wir verloren das GPS Signal. Jetzt übernahm Chablis, unser Hütehundmix aus den Kaparten, die Führung und geleitete uns sicher auf eine Lichtung. Dort sahen wir ein Kreuz. Es steht zum Gedenken an 5 Wanderer die dort ihre letzte Rast nahmen. Danach stiegen sie in einen Zug und verunglückten tödlich.

Kurzes Innehalten

Wenige Meter weiter erreichten wir wieder die Isar. Jetzt ein kühles Bad? Die Füße mal kurz in die reißende Strömung halten, verschnaufen, Sonne tanken und das mitgebrachte Vesper auf der Kiesbank verputzen. Herrlich. Aufstehen, den schweren Rucksack wieder schultern, in Schwung kommen – fällt einem schwer. Aber weiter, immer weiter. Wir überquerten das Tölzer Isarkraftwerk und schlenderten am Walgerfranzweg in die Stadt hinein. Die Stadt begrüßte uns mit voller Sonne. Im Park der Isar zugewandt spielten Kinder und Hunde. Wir bogen in die belebte Marktstraße von Tölz ein. Nach einer heißen Dusche lass ich mir im Restaurant Kolberbräu das Schnitzel „Münchner Art“ schmecken und ein Löwenbraü Helles löschte meine durstige Kehle. Miri stärkte sich mit einer großen Portion Semmelknödel mit frischen Pfifferlingen an einer Rahmsoße. Müde vielen wir in die Federn in unserer 2. Nacht. Leicht hörte ich das rauschen den Ellbach unter unserem Hotelzimmerfenster, oder waren es die Stromschnellen der Isar in meinem Traum?

Kiesbank

Kalt, nebelig war es in Bad Tölz am Sonntag morgen. In Wintermützen, Schals und Handschuhe warm eingepackt bauten die Marktleute ihre Stände auf. Chablis hatte viel zu schnüffeln auf unserer ersten Gassi Runde. Nach einem reichhaltigen Frühstück liefen wir zum Bahnhof. Der Zug sollte uns nach Lenggries bringen. Von dort aus wollten wir über die Berge zum Sylvenstein Speichersee wandern. In Lenggries am Bahnhof angekommen, liefen wir Schnur stracks aus der Stadt, erreichten den Toni-Sieber Weg, die Isar immer im Blick. Am Wegesrande viele Sträucher und selten Pflanzen. Miri pickte sich einige Wachholderbeeren. Für unseren Gin Tonic am Abend, dachte ich mir. Köstlich. Ich merkte schnell das meine Tour über einen Höhenweg zu ambitioniert war und wir Entschieden weiter der Isar zu folgen. Das war ja auch der Sinn auf unserem Roadtrip. Gehen wir erstmal hier in das Gasthaus am Wegesrande, sagte ich zur Miri. Chablis war dankbar für eine Pause. Ein herzlicher bayrischer Empfang, ein netter Ecktisch für uns Drei war frei. Es stellte sich heraus der Besitzer und Koch ist Vietnamese, so bestellten wir lecker Miso Suppe, Wan Tan ,Frühlingsrollen, dazu einen Mango Salat! Eine ungewöhnliche Rast in den bayrischen Bergen!

ein Tonic am Abend?

Wir folgten der Landstraße 13 auf dem Rad und Fußweg. Leider waren hunderte Autos und Motorradfahrer auf dieser vielbefahrenen Straße am Sonntag unterwegs. So verstanden wir kaum unser eigenes Wort und hörten auch nicht das Rauschen der Isar. Erst nach rund 5 km machte der Fußweg einen Abstecher von der Straße. Die ersten Sonnenstrahlen schauten aus der Wolkendecke. Es versprach ein sonniger Abend zu werden. Davon angespornt liefen wir wieder freudig unserem Ziel entgegen Das Hotel: Jäger von Fall. Unsere 3. Herberge auf unserer Wanderung der Isar entlang. Wir passierten einen Tunnel. Am Ende sah ich das Licht. Vorsichtig sah ich raus, erkannte den Sylvensteinsee und meinte im widerspiegeln der Berge auf der Wasseroberfläche eine Kirchturmspitze aus dem Wasser herausragen zu sehen. Eine optische Täuschung oder stimmt die Sage des untergegangenen Dorfes von Fall?

Am Ende des Tunnels…

Im Sonnenlicht, ein fester Wind wehte von den Bergen, ein schmaler Weg, eine letzte Herausforderung, über eine Brücke zum Hotel Jäger von Fall. Einen kleinen Abstecher zum See. Noch mal leckeres kühles Isarwasser schlabbern. Chablis war in seinem Element und wir waren glücklich, zufrieden und kaputt.

Sylvensteinsee

Bleibt gesund, bleibt mir treu. Euer Coach

Zugabe

Ohne Schwimmring
Durch dick und dünn
die Isar
ohne Worte

Der Radmarathon

oder

ein Tag mit den

#strombergbuben

Es war ein sonniger Tag im Frühling. Ich radelte mit meinem Merida Reacto in die aufgehenden Morgensonne über den Hügeln des Strombergs dahin. An meiner Seite, Marc von der [Radbande im Stromberg]. Wir plauderten viel. Über den Job, über Familie, natürlich über Corona und über neue Radsport Ziele. Er berichtete mir von einer 24 Stunden Tour immer an seinem Haus vorbei, alleine ohne Helfer in die Dunkelheit hinein, nur mit sich und dem Rennrad auf einem nie endenden Rundkurs, maximal für den Toilettengang kurz bei Mama und Papa angehalten. Ich schüttelte mit den Kopf, er fand’s geil.

Warum muss man so lange Radfahren, wo liegt der Sinn, wo liegt der Reiz. Bei mir ist ab km 100 Schluss, es reicht. Ich bin platt, bin am Ende. Miri wartet mit einem leckeren Essen und bei einem vitalisierenden Espresso werden meine müden Beine wieder locker. Warum länger? Es gibt den Ötztahler Radmarathon, mit vier Alpenpässen die zu überqueren sind, alle vier Jahre gibt es Paris – Brest – Paris mit 1200 km , Race Across The Alps, in dem Mann/Frau sich durch die drei Länder Italien, Schweiz und Österreich quält, es gibt Swiss Cycling Alpenbrevet, das härteste Eintrages Rennen der Alpen mit über 7000 Höhenmeter. Alles verrückt, eine Tortur, einfach nur der Wahnsinn.

Lass uns doch mal sowas verrücktes planen, ist eh Corona, finden eh keine Rennen statt, meinte Marc. So, wurden Routen auf Strava, auf komoot geplant, verworfen und heftig diskutiert. Felix hat die schönste Tour in peto. Start und Ziel sollte sein Heimatdorf Hohenhaslach sein. Von dort in Richtung Hochdorf zur Solitude die alte Stuttgarter Rennstrecke und zum Sommerschloss der Herzöge von Württemberg. Mit Tempo ins Würmtal über Pforzheim am Kloster Maulbronn vorbei nach Heidelberg. Den Gipfel des Königsstuhl erstürmen, an Sinsheim über die 1000 Hügel des Kraichgau zurück nach Hohenhaslach. Das pitoreske Weindorf im Kirbachtal. So sein Plan.

Um es noch mehr zu einem Wettbewerb werden zu lassen haben wir 10 Segmente auf der Strecke eingebaut, die jeder Rennfahrer mit Tempo durchfahren kann. Die Zeit wird gestoppt. Der schnellste bekommt 100 Punkte. Aber gemeinsam starten und gemeinsam ankommen, das war die Devise.

Das Rennwochenende stand bevor. Die Wetter Aussicht versprach 90 % Regenwahrscheinlichkeit. Super. 😜 Es gab keine andere Wahl als zu verschieben. Das Wetter macht den Termin, sagte Marc! Der nächste Sonntag versprach einen traumhaften Sommertag.

Was für Schmierereien auf der Straße 😂🤣😜

Es mussten natürlich noch einige Vorbereitungen getroffen werden. Einfach so losradeln, daß war unprofessionell. Ich kaufte Farbe beim Obi und wir pinselten Fett und Breit den Start auf die Straße von Hohenhaslach. Einen Bierkasten hatte ich auch mitgebracht und die Mama vom Felix versprach leckeren Kartoffelsalat und eine Rote vom Grill für die wohl hungrigen Rennrad Fahrer am Abend. Die After Road Party sah schon mal vielversprechend aus.

Das Land der 1000 Hügel

Zwei offizielle Stopps hatten wir auch eingeplant. Jeweils nach 100 km. Der erste sollte in im Klostercafé von Maulbronn sein. Gesponsert vom Tourismus Kraichgau Stromberg. An dieser Stelle sag ich schon mal Danke. Der zweite Stopp war in Sinsheim geplant. Meine Miri hatte sich bereit erklärt mit Getränken und Proviant auf uns am Aerport Museum zu warten. Wasserträger 😍

Selfie ist das neue Foto📸

Es war angerichtet: 10 Teilnehmer fanden sich um 7:00 Uhr ⌚ in der Früh in Hohenhaslach ein. Alle waren pünktlich, alle waren gespannt und ein bisschen aufgeregt auf die ungewöhnliche Tour im Land der 1000 Hügel zwischen Stuttgart und Heidelberg.

Der erste Radmarathon der [Radbande im Stromberg]. Hier und Heute muss ich die Starter mit ihren schicken Sonnenbrillen und stylischen Radtrikots erwähnen: Thomas Fischer, Jannik Henning, Felix Kenk, Marc Högler, Kristian Krüger, Michael Langjahr, Benni Hofmann, Stefan Bregler, Sebastian Holler und Charlie Albrecht der mit einer Ellbogen Verletzung an den Start der 250 km langen Schleife ging. Auf der Hälfte der Distanz wollte er dann aussteigen und die Tour verlassen.

Die Reifen auf 8 Bar, zwei Trinkflaschen in der Halterung, der erste wichtige  Proviant für die nächsten drei Stunden in den Rückentaschen. So rollte das Pelton aus Hohenhaslach, angeführt von Felix Kenk in die aufgehende Morgensonne.

Der aufgehenden Sonne entgegen

Das erste Segment, der erste Anstieg nach Hochdorf am Keltengrab vorbei rollte das Pelton noch gemütlich im gleichschritt. Felix, Benni und Thomas sorgten an der Spitze für ein gleichmäßiges Tempo, immer im Blick die 250 km lange Tour. Seine Kräfte einteilen, seine Körner nicht gleich am ersten Anstieg vergeuden. So fuhren wir in zweier Reihen die Solitude hoch, gaben uns Windschatten, gaben uns Motivation. Oben am Schloss ist dieses schöne Bild entstanden.

Schloss Solitude 🏰

Kurz durchschnaufen, kleiner Snack, weiter ging’s, es wurde warm. Windjacken wurden ausgezogen, Ärmlinge eingepackt. Das Würmtal wurde erreicht. Jetzt machte Kristian Tempo an der Spitze. Wie an einer Perlenschnur gereiht fuhren wir, jeder tief im Windschatten des anderen, die geschwungenen Straßen der Würm entlang. Herrlich.

Radbande Kreisel

Ich traute meinen Augen nicht. 50 km/h stand auf dem Radcomputer.🚀Wir erreichten Pforzheim in Windeseile. Pforzheim die Goldstadt, wenig Verkehr an diesem Sonntag im September. Gottseidank. Von weitem sah ich schon die Weinberge vom Maulbronner Eilfingerberg. Unser erster Stopp nach 100 km war nicht mehr weit. Das Klostercafé in Maulbronn. Der Besitzer wusste Bescheid und hatte den Auftrag uns gut zu versorgen. Mit Kuchen, Butterbrezzeln, Espresso und Wasser für die Trinkflaschen machte Herr Arik einen guten Job. Danke.

Klostercafé Maulbronn

Es reichte, es war genug, es war eine schöne Tour. Die Beine lockern, die letzten Kilometer nur noch zum Spaß. Daheim wartet Miri zum Mittagstisch. Nein, jetzt fing es erst richtig an, wie bei einem Marathon ab Kilometer 20. Die Trinkflaschen aufgefüllt ging die Radbande wieder gestärkt auf die Tour. Charlie war weiterhin dabei!

Charlie war dabei 💪

Ich fühlte mich gut,erstaunlich gut. Wann kommt der Einbruch, wann kommen die Krämpfe? Wir durchfuhren Bruchsal, erreichten Leimen, die Geburtsstadt von Boris Becker und erreichten Heidelberg. Meine Trinkflaschen waren leer.

Heidelberg

Auf der Suche nach Wasser machten wir an einem Kiosk sowie an dem Stadtfriedhof von Heidelberg halt. Es war bitter notwendig, es stand der harte Aufstieg zum Königsstuhl an, eine giftige, steile Rampe im Mittel 12%.

Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren 💘

Normalerweise mach ich mir über solche Anstiege keine Gedanken, aber nach 200 km in den Beinen und noch 50 km zum Ziel hatte ich schon weiche Knie. Die Jungs zogen an mir vorbei, nicht mitgehen, sein eigenes Tempo am Berg finden. Langsam, wirklich langsam eierte ich die Serpentinen hoch zum Königsstuhl. Ich war gespannt, wer gewinnt das Segment, wer holt den KOM (King of the Mountain)

Der Königsstuhl

Ein Anruf von Miri: wo bleibt ihr denn? Warte schon ne Weile auf Euch, alles gut? Ja, sind in ner halben Stunde bei dir, stotterte ich ausser Atem ins Handy. Jetzt mal mit Tempo nach Sinsheim, unser 2. Stopp an diesem Tag, oder unser Besenwagen um entkräftet einzusteigen?

[Radbande im Stromberg]

Die Freude war gross, die Freude war echt. Miri machte den Kofferraum auf. Kalte Cola, frisch aufgeschnittene Melone, Schokolade und Wasser für die leeren Trinkflaschen. Aber entkräftet, einsteigen in den Besenwagen? Nein, locker waren wir, als würde die Tour erst ihren Anfang nehmen.

Miri, unser Besenwagen

Die letzten 50 Kilometer standen im Roadbook. Nichts war mehr unbekannt, der Stromberg, unsere Heimat. Terroir der #strombergbuben. Eine schöne Geste vom Präsident Charlie: er nahm am Berg das Tempo raus um mich auf den letzten Metern zu unterstützen und Qualitätswindschatten zu geben. Gemeinsam starten, gemeinsam ankommen ist bei der [Radbande im Stromberg] keine Floskel, sondern eine Selbstverständlichkeit💪

Sonnenuntergang

Mit der untergehenden Sonne hinter dem Land der 1000 Hügel rollen wir über die Weinberge des Hohenhaslacher Kirchberg mit einem Lächeln im Gesicht auf unsere Zielgerade ein. So schwer war’s doch nicht.

Bleibt gesund, bleibt mir treu, euer Coach🏁

Zugabe

Ein schöner Abschluss im Garten, bei Kartoffelsalat, ne Rote vom Grill und kaltes Oktoberfest Bier🍻

Ankunft der #strombergbuben

King of the Mountain am Königsstuhl wurde Jannik Hennig🏔️🤴🏁

Der Besenwagen

oder

der dunkle Berg soll leuchten

Die Tour hatte nach Jahren der Abstinenz den Mont Ventoux wieder im Programm. Diesmal noch schwieriger, noch mörderischer, zweimal auf der gleichen Etappe muss dieser Berg, dieser weiße Gigant, dieser Mythos bezwungen werden. Dort, auf dem Gipfel, wird die Tour de France entschieden, so sind sich alle Experten einig. Ich bin dabei, im Windschatten meiner Radbande im Stromberg schlagen wir unsere Zelte wieder in Valréas auf.

Benni Thomas L. Felix Thomas F. Sebastian

Es war das Jahr 2002 mit meiner damaligen Freundin Elli und Igga, ein Kumpel von den Buwe aus Rottenberg, mit denen ich hautnah den legendären Kampf am Mont Ventoux verfolgen konnte. Wir standen noch auf Höhe der Waldgrenze im Schatten der Bäume und warteten gebannt auf das Peloton. Zu Fuß haben wir damals uns, kommend von Bedoin, auf den langen Weg zum Gipfel gemacht. Links und rechts am Straßenrand picknickten ganze Familien mit Oma, Opa, samt Kindern und Hunden und freuten sich auf die Tour am Nationalfeiertag. Elli sah in dieser Wanderung überhaupt keinen Sinn. Legen wir uns hier ins Gras, dort ist ein schöner Baum der Schatten spendete, sagte sie. Ich wollte doch auf dem Gipfel, zumindest am Memorial von Simpson auf meine damaligen Helden warten. Sie anfeuern, sie anschreien, vielleicht ein Stück mitrennen, ihnen den letzten Pusch geben. Lasst uns bis zu dem steilen Stück dort vorne laufen, dort sehe ich auch schöne schattige Bäume, meinte Igga. Ok, ich war überstimmt und musste insgeheim eingestehen, ich hab das alles unterschätzt. Elli breitete die Picknick Decke aus, Igga schnitt das Baguette und den Käse sowie leckere Tomaten aus Papas Garten. Ich holte eine Flasche Domaine Maximilian aus dem Korb. Gegenüber feierten Holländer schon lautstark und nicht weit weg hörte ich die Tifosi grölen. Ganz Europa war auf diesem Berg. 

Igga Mama Elli Sebastian

Die Radbande im Stromberg ist in den Löwensteiner Bergen unterwegs. Und ich versuche kämpferisch das Hinterrad vom Thomas zu halten. Beißen Coach beißen, brüllt er mir zu. Es geht in die Steile Rampe von Jux hoch. Ich geh in den Wiegetritt.17%. Ich denk an die Verrückten von Jux. Von drei verschiedenen Seiten hoch nach Jux und du wirst im erlauchten Kreis aufgenommen. Genauso wie die Verrückten vom Mont Ventoux, sinniere ich. An einem Tag von drei verschiedenen Seiten den Berg der Winde erklimmen. Das ist die ultimative Challenge. Marc, Benni und Felix rauschen locker an mir vorbei. Nochmal 20 sein. 

Löwensteiner Berge

Klar wussten alle, die sind voll bis unter die Haubitzen. Ohne Doping, ohne verbotene Substanzen schafft man diese Leistung nicht. Es war ein offenes Geheimnis. Selbst der erste Doping Tote Simpson, der mit einem Cocktail aus Amphetaminen, Alkohol kurz vor dem Gipfel zusammenbrach, dem wird heute noch gehuldigt. Es war mir damals egal, der Tour Funk kündigte die Spitzenreiter an. Die Spannung stieg, eine Spitzengruppe bestehend aus Virenque, Ulrich und Armstrong hatten 3 Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld. Lance Armstrong, der große Dominator, eine Krebserkrankung überwunden kam er so stark wieder auf die internationale Rad Bühne. Man konnte ihm nie was verbotenes nachweisen. Wir glaubten einfach an seinen unmenschlichen Kräften, an seinen Fahrstil mit kurzen kleinen Übersetzungen, mit seinem eisernen amerikanischen Willen. Sein Buch: “Tour des Lebens, wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann” war damals ein Bestseller. Meinem Schulfreund Olli aus Kindheitstagen habe ich immer gerne einige Passagen daraus vorgelesen. Die Zeilen haben ihm damals Mut gemacht. Er hatte Krebs im Endstadium. Aber am Ende waren seine Siege nur Lug und Trug! Es waren meine Idole aus dem Fernsehen. Richard Virenque konnte sich kurz vor dem Ziel in der Steinwüste am Mont Ventoux von der Spitzengruppe lösen und gewann als Franzose am Nationalfeiertag die Etappe am Gipfel überragend. Gemütlich schlendernden wir Drei von diesem Berg wieder gen Heimat. Ich, noch ganz aufgeregt meine Idole hautnah gesehen und angefeuert zu haben. Igga, der sich mit Holländern und Tifosis verbrüderte. Elli, die gemütlich auf der Picknick Decke nach einem Glas Wein mit Baguette und Käse unter den Schatten spendenden Eichen gedöst und geruht hatte. Es war schön. 

Lance

Ich höre gerne einen Podcast, der heißt: Besenwagen. Drei Jungs, sehr unterschiedlicher Natur plaudern locker über Radsport. Mag ich. Ich hab auch ein schickes Trikot von der Marke Rapha mit den Motiven und Schrift ”Der Besenwagen”. Sehr klar, sehr stylisch. Ab und an ziehe ich es zu unseren sonntäglichen Ausfahrten der Radbande im Stromberg an. Thomas schaut ein bisschen kritisch von der Seite. Basti, bist du schon einmal im Besenwagen gesessen, fragt er mich ein bisschen spöttisch. Nein nie, antworte ich ehrlich. Thomas, ein ehemaliger Radprofi, berichtet mir von seinen Erlebnissen. Es war kalt, ich war am Ende, abgeschlagen, konnte nicht mehr. Zum Ziel war noch weit. Ich stieg ein, erzählte er mir mit brüchiger Stimme. 

Besenwagen

Brauchen wir nicht alle im Leben mal einen Besenwagen, denke ich nach. Eine Familie die einen auffängt, wenn man am Boden liegt. Ein guter Freund, der da ist, wenn man ihn braucht? Ich mag den Begriff. Er hat was Beschützendes. Etwas heimeliges. Und das im Profi Sport, in dem es nur um Gewinnen und Verlieren geht. 

Der Tag ist gekommen. Die Radbande im Stromberg ist wieder zu Gast bei Mama Christa in Valréas. Die Sonne brennt, die Butter schmilzt am Frühstücks Tisch. Es wird ein heißer Tag in der Provence. Nur der Mistral mit einer leichten Brise, verspricht eine kleine Abkühlung. Wir sind gut vorbereitet. Die Touren in den Löwensteiner Bergen, im Stromberg und im Black Forest haben unsere Körper gestählt für diesen Tag im Juli hoch zum Gipfel des Mont Ventoux. Das Peloton der Tour de France erwartet unsere lautstarke Unterstützung. 23 Teams mit insgesamt 184 Fahrer gehen auf die französische Schleife. Bora Hansgrohe, mit Nils Polit und Emu Buchmann, das Ineos Grenadiers Team mit Richie Porte und Geraint Thomas, Jumbo Visma mit Roglic und Tony Martin, Israel Start-up Nation mit Sprinter Greipel und Rick Zabel, nur um einige zu nennen. Es ist das Who is Who des internationalen spitzen Radsportes am Start. Wir werden da sein. Wir werden alles geben. 

Wer möchte ein 5 Minuten Ei von glücklichen Hühnern? ruft uns Mama Christa aus der Küche zu. Die Radbande im Stromberg ist am Frühstückstisch versammelt. Lavendelhonig, verschiedene Marmeladen, Wurst und Käse stehen auf dem Tisch. Baguette wird frisch aufgeschnitten. Ich schnapp mir schon mal ein warmes Croissant mit ordentlich Butter drauf. Lecker. Große Schlagzeile in der Tribüne, die Tageszeitung aus der Region: Kampf um das gelbe Trikot am Mont Ventoux, liest uns Felix vor. Gleich wird gefachsimpelt, diskutiert, jeder hat einen eigenen Favoriten. Carapaz, Pogajar, ich tippe auf Wout van Aert. Richard Carapaz hat die besten Helfer an seiner Seite, meint Benni. Und er hat nicht unrecht. Du brauchst Wasserträger Edelhelfer, nur mit einer starken Mannschaft ist der Sieg möglich. Ja, Geld schießt bekanntlich die meisten Tore und Geld macht Tour Gewinner, meint Thomas lakonisch. Ineos Grenadier hat einen 50 Millionen Etat fügt er noch bekräftigend hinterher.

Die Reifen auf 8 bar, Wasser in den Trinkflaschen. Die Kette geölt. Wir rollen aus Valréas über schmale Landstraßen, passieren wir die kleinen, pittoresken Dörfer Vinsobres und Mirabell de Barronies. Tief atmen wir die Lavendel geschwängerte Luft ein. Herrlich. Immer im Blick: Der Mont Ventoux. 

Autos fahren freudig, hupend an uns vorbei. Fenster werden heruntergekurbelt.  Allez, allez, werden wir auf Französisch angefeuert. Die ersten Schriftzüge auf den Straßen, die ersten französischen Flaggen am Straßenrand zeigen die Tour an. Der Zielort Malaucène hat sich hübsch gemacht. Wir halten an, auf einen obligatorischen Espresso. Schnell kommen wir mit Belgier, mit Tifosi, mit Radsportverrückte ins Gespräch. Es ist eine ausgelassene freudige Stimmung. Wir ziehen weiter bevor die Straßen komplett dicht gemacht werden. Wir wollen ja auf den Gipfel, dort in der Steinwüste auf unsere Idole warten. Zweimal werden sie uns passieren müssen, das ist einzigartig in der Geschichte der Tour de France. Es macht Spaß mit den Jungs, es ist keine Strapaze, es ist pure Freude. Wir sind gut trainiert, sind nicht im Wettkampf, plaudern viel, werden motiviert der schönen Landschaft, der ungewohnt schönen Ausblicke ins Rhonetal, von weitem kann man das Mittelmeer erahnen. Links und rechts ein Spalier von Wohnmobilen. Wir hören die Live Übertragungen, aus den Lautsprechern in den verschiedensten Sprachen, das Peloton ist schon auf Höhe von Sault, eine Spitzengruppe von 6 Fahren führt das Feld an. Darunter auch mein Favorit, der Belgische Meister Wout van Aert von Jumbo Visma Die Spannung steigt. Mit einem Lächeln im Gesicht erreichen wir den Gipfel. 

Wout van Aert in der Abfahrt zum Sieg!

Hubschrauber kreisen über unseren Köpfen, die ersten Polizeimotorräder sichern die Strecke. Es wird laut, der Berg erwacht zum Leben. Eine erste Spitzengruppe rauscht an uns vorbei, bin so aufgeregt wie damals mit Elli und Igga, ich konnte nicht mal die Fahrer erkennen. Felix, der verrückte Hund, rennt wenige Meter seinem Idol von Ineos Grenadier hinterher. So kommt man ins Fernsehen, denk ich bei mir. Wir klatschen uns ab, feiern uns und die Tour de France. Nach der halsbrecherischen Abfahrt nach Malaucène geht es nach Bedoin von dort nochmal 22 km die Südrampe, besonders steil, besonders selektiv! Wird Wout van Aert, aktueller Belgischer Meister, mein Favorit, den Attacken der Konkurrenz standhalten? Und noch wichtiger: hat er seine Edelhelfer vom Team Jumbo Visma noch an seiner Seite? Ich höre den Tour Funk, es wird spannend. Ja er ist noch dabei, jetzt noch die gefährliche Abfahrt überstehen, nicht stürzen, gesund bleiben. Wir jubeln jedem Fahrer zu, jeder hat den Respekt verdient. Eine kleine Gruppe von schwergewichtigen Sprintern mit gequälten schmerzverzerrten Gesichtern kommt an uns vorbei. Hauptsache ankommen und in der Karenzzeit bleiben! Nun sichern einige Polizeimotorräder den Schluss der Tour. Ein Fahrzeug kommt noch, es ist der Besenwagen. Er ist leer, keiner ist eingestiegen, er wurde nicht gebraucht. Gut so. 

Bleibt mir treu, bleibt gesund. EUER COACH

Nachspann

Hobby-Radfahrer aus der Region fahren zur Tour de FranceAufbruch zum Windumbrausten

Von Walter Christ 04.07.2021

Benni Sebastian Thomas L. Felix Thomas F.
Die Radbande Stromberg posiert in Bietigheim vor der Abfahrt mit dem Auto zur Tour de France. Von links: Benni Hoffmann, Sebastian Holler, Thomas Lutz, Felix Kenk und Thomas Fischer. ⇥ Foto: Oliver Bürkle
ABSCHIED

Der Kulturverein

Der Kulturverein

oder

der letzte Abend

Es ist ein lauer Sommerabend. Ich biege gerade mit meinem Merida Reacto in die Fußgängerzone von Bietigheim ein. Die tiefstehende Sonne scheint mir direkt ins Gesicht. Ich kneife die Augen zusammen. Der Herrenaustatter Kittel schliesst gerade sein Geschäft. Schräg gegenüber ruft Harry von der Bar Agora: Ein schnelles kühles Tannenzäpfle? Oh ja, das tut gut, das zischt gut. Ich ziehe weiter, verabschiede mich und ruf ihm zu: bis morgen auf auf einen vitalisierenden Espresso. Gemütlich schiebe ich mein Rad durch die Fußgängerzone. Schöne Fachwerkhäuser säumen meinen Weg. Costa vom  Restaurant Falken, direkt an der Ecke vom Marktplatz, ruft mir zu: Bastian, hab noch leckeres Gyros auf dem Grill. Costa , eine Seele von Mensch, dem kann man nichts abschlagen. Ich bewundere ihn. Bei ihm fühlt man sich wohl. Ein Lied kommt mir in den Sinn: Meine kleine Kneipe von Peter Alexander.

Es gibt sie wirklich, die kleine Kneipe. Oh la la, der Zanziki hat es es in sich. Ich lass es mir schmecken. Verträumt schau ich auf den Markplatz und meine Erinnerungen führen mich nach Hösbach. Ich werde direkt in mein Bistrot Gräfenstein am Marktplatz katapultiert. Ein schönes Bistrot. Die geschwungene Theke, die provencalischen Stühle, die ockerfarbende  Wände, die romantischen Kerzen auf den Tischen. Hochzeiten Geburtstage, Todesfälle, Geschäfstessen, Rendezvous, alles hat das Bistrot gesehen und erlebt. Man fühlte sich wohl. Ich war jung, vielleicht zu jung. Ich musste es schließen. Aber nicht so einfach, nochmal richtig feiern, mit einem Paukenschlag.

Meine Nachbarin war eine berühmte Oper Sängerin. Julie Griffith. Ich bin unmusikalisch, ich kann nicht singen. Doch Sebastian, jeder kann singen, sagte sie mir mal bei einem Glas Wein. Sie gab Gesangsunterricht und hatte eine Schar guter Schüler unter sich. Sie studierten gerade die Zauberflöte ein. Hatten aber keine Bühne. Da kam mir die Idee die Zauberflöte auf unseren Marktplatz unter dem freien Himmelszelt Ur  aufzuführen.

Zu dieser Zeit war ich auch im Gemeinderat dieses Dorfes. So wird es ein leichtes sein die Genehmigung für dieses Event auf dem Marktplatz zu er halten, dachte ich mir. Passiert ja sonst nichts auf dieser tristen, trostlosen Fläche mitten im Herzen, eingerahmt von Kirche und Rathaus. Sebastian, das wird schwierig, bis unmöglich sprach der Bürgermeister Robert Hein unter vier Augen mit mir. Wenn du ein Verein wärst hätt ich eine Möglichkeit, so sind mir die Hände gebunden. Mein Ehrgeiz wurde geweckt. Ein Verein sinnierte ich, ja ein Kulturverein, das könnte die Lösung sein. Aber wie und wer hilft mir? Ich sprach meine Gäste an. Eine Handvoll konnte ich begeistern und für die Gründungsversammlung des 1. Kulturverein Hösbach e. V. einladen. Ich wusste, keiner würde den Vorsitz übernehmen. So bat ich meine Schwester Henriette. Nur pro forma, nur auf dem Papier, überzeugte ich sie. Ich mach wirklich nichts? Ja, hast mein Ehrenwort. Der Abend der Gründungsversammlung. Gekommen waren: Erich Dürr, Susanne Vincon, Gabi Paschold, Mona Junk, Thea Schulmeyer

Alle wollten mir helfen , alle hatten mit ihren Familien, mit ihren Freunden schöne Stunden im Gräfenstein. Eigentlich wollten Sie nicht das ich den Ort ihrer Geselligkeit, Ihrer Heiterkeit dicht mache. Aber sie respektierten meine Entscheidung.

Noch einen Ouzo? reist mich Costa aus meinen Tagträumen. Ja, gerne rufe ich ihm zu. Geht aufs Haus. Wie hab ich das vermisst in der Pandemie. Das war doch kein Leben. Ohne Kunst, ohne Kultur. Und ohne soziale Kontakte. Wir brauchen das, wie unser täglich Brot.

Der Brunnen plätschert, im Hintergrund höre ich leise Udo Jürgens aus der Jukebox trällern. Griechischer Wein, wie passend, denk ich mir. Ich Summe ein bisschen mit, jede Strophe, jedes Wort ist mir bekannt. Heimweh Costa?

7 Gründungsmitglieder braucht ein Verein. Die Vorsitzende hatte ich schon mal! Danke Henni. Wer macht den Zweiten, wer macht den Kassier, Schriftführer und Beisitzer? Erich hatte mal schon ordentlich eine Satzung mitgebracht. Ich hatte keinen Plan. Es wurde rege diskutiert. Susanne signalisierte sich für das Amt als Schriftführer zu Verfügung zu stellen. Gewählt. Wer macht den nun den 2.Vorstand? Mir kam ein Gedanke . Heinz Peter Rausch, ein Musiklehrer und Dirigent aus dem Ort, den können wir doch anrufen. Gesagt, getan. Er war überrascht, wir redeten auf ihn ein. Er konnte nicht anders als Zusagen. Geschafft. Erich übernahm den Job als Kassier und mit drei Beisitzern war der 1. und einzige Kulturverein in Hösbach an einem Montag um 22.33 gegründet.

Ihr hättet mal die Gesichter meiner Lieben Gemeinderäte sehen sollen, als ich den Antrag für das Open Air Konzert auf dem Marktplatz vorgetragen habe. Mund offen Kinnlade runter. Leichtes schmunzeln des 1. Bürgermeisters konnte ich kurz erkennen. Er hats mir gegönnt. EINSTIMMIG

Ich brauch 2 Flügel auf der Bühne, wirbelte Julie Griffith theatralisch wie eine große Diva mir ihre Wünsche entgegen. Aber liebe Julie, weißt du was das kostet, stotterte ich. Und die Glocken des Kirchturm müssen auch aufhören zu schlagen gab sie mir noch eine weitere Aufgabe. Sonst kann ich nicht singen. Jetzt muss ich noch mit dem Pfarrer und der katholischen Kirche verhandeln. Uih, was kommt da noch auf mich zu. 

Die Abendsonne ging hinter dem Rathaus von Bietigheim unter, Costa zündete Windlichter an. Brachte ein paar Decken. Der Bürgermeister mit ein paar Gemeinderäte schaute nach einer Sitzung noch schnell auf ein Glas vorbei. Wie damals bei mir, dachte ich mir im Stillen und wurde ein bisschen melancholisch. Eine friedliche, heitere bis beschwingte Atmosphäre stellte sich ein. Ich liebe mein neues Leben in dieser Stadt. 

Wie ich all diese vielen Vorbereitungen für das Konzert gemeistert habe, weiss ich nicht mehr. Aber ich weiss, ich hatte viele helfende Hände. 

Es war angerichtet. Die Regenwolken hatten sich verzogen, die Abendsonne tauchte Hösbach in goldrotes Licht. Die letzten Gäste nahmen ihre Plätze ein. Ausverkauft! Der Pfarrer stellte die Glocken für 2 Stunden aus. Julie Griffith bestieg ihren schwarzen Friesen Hengst und stürmte, als Königin der Nacht, das Kirchgässle entlang in Richtung Marktplatz. Der Friese stellte sich auf die Hinterbeine. Furios, uns stockte der Atem. Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart hatte seine Bühne gefunden. 

Es wurde ein unvergesslicher Abend. Standing Ovation, mehrmalige kleine Zugaben, wir hatten nicht genug,wir wollten mehr. Genau so habe ich mir mein Ende vorgestellt. Anschließend gingen wir gemeinsam in die Kneipe. Ich stach das letzte Fass Bier an. Die Musik wurde lauter, es wurde gelacht, getanzt, es wurde ausgelassen gefeiert.

Costa räumt die Gläser auf, bläst die letzten Windlichter aus, klappt die Stühle hoch. Ich sage ευχαριστώ und καληνύχτα. Mein Merida Reacto kennt den Weg, ich habs nicht weit.

Bleibt gesund,bleibt mir treu.LG. Euer Coach

Nachspann

Tetenbüll

Tetenbüll

oder

einfach mal Luft holen

Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Der kalte Regen lässt meine Glieder erfrieren. Mit grossem Kettenblatt stürme  ich mit meinem Merida Reacto zum Westhever Leuchtturm. Ich schmecke die salzige Seeluft. Die Nordsee ist nicht mehr weit. Am Horizont entdecke ich schemenhaft den Turm. Er ragt 40 Meter in die Höhe. Ich durchquere den Tümler Koog. Geh in den Wiegetritt. Gebe alles. Ich spüre die Gewalt der Gezeiten. Ich brauche es, ich will in die Fresse.

Seid Jahren verbringen wir unseren Familien Urlaub an der Nordsee. Jetzt schon zum 2. Mal in Tetenbüll, ein kleines Dorf auf der Halbinsel Eiderstedt. Haus Friesenfinca ist unsere Residenz für 2 Wochen. Schön liegt das Haus, eingebettet in der Dorfmitte, im Schatten der  Kirche St. Anna aus dem 1400 Jahrhundert, historischen Kolonialwarenladen Peters und dem Kirchspielkrug. Eine Institution. Hier ist mein kein Gast, hier ist man Mensch.

ST. ANNA

Es wird schlimmer. Ein Sturm braut sich über der Nordsee zusammen. Blitz und Donner, ich zähle die Sekunden. 21,22,23…Noch weit weg. Wie im Wahn trete ich in die Pedale. Umkehren, keine Option. Ich bin im Tunnel. Auf der Deichkuppe sehe ich die ersten Schafe. Dicht an dicht, um sich Schutz zu geben gegen die Gewalten der Nordsee. Flimmernt meine ich auch Personen zu entdecken. Vielleicht der Deichgraf Hauke Haien auf seinem Schimmel?

Man sagt, der Schimmelreiter hätt‘ den Teufel wohl im Bund,
kein Keuchen seines Pferdes, kein Hufschlag ward je kund.
Die Augen, sagt man, funkeln bei Ross und Reiter gleich
und wie Dämonen fliegen sie über Koog und Deich.

Es wird Mystisch. Ich denke an Papa, ich denke an Herbie, ich denke an   Emilia. Sind sie heute meine Schutzengel, die mich auf meinem Höllentrip begleiten? Ich meine sie schemenhaft in der Nebelnacht zu entdecken. Den Deich erklommen, sind es nur wenige hundert Meter  zum Westhever Leuchtturm. Mein Merida Reacto pflügt sich durch die aufkommende Flut. Ich stärke mich mit einem Schoko Riegel. Nur nicht in den Hungerast. Energie auffüllen. Geschafft, der Gigant in weiss und rot steht vor mir. Erbaut 1906, leuchtet sein Licht 21 Seemeilen tief in die schwarze Nordsee.

Westhever Leuchtturm

Ein letzter Blick. Endorphine, kleines lächeln auf den Lippen. Ich wende meine Maschine und stürme mit orkanartigen Böen an Wasserkoog, einem ehemaliges Fischerdorf, vorbei und erreiche in nie gekannter Schnelligkeit unser Ferienhaus. Die Friesenfinca in Tetenbüll. Miri, Elfie und Chablis erwarten mich sehnsüchtig und bei einem heissen Friesen Tee taue ich auf. Ungläubig berichte ich ihnen von meiner Fata Morgana auf dem Deich, auf der Tour zum Westhever Leuchtturm

Der Schimmelreiter reitet weiter durch Sturm und Nebelnacht,
ein Irrlicht zwischen Tod und Teufel, der Deichgraf hält die Wacht,
Hauke Haien hält die Wacht, Hauke Haien hält die Wacht.

Der Kuckuck weckt meinen wohligen Schlaf. Chablis schaut vorbei, stupst mich mit seiner nassen Schnauze. Auf in den Tag, auf in ein Abenteuer im Katinger Watt. Chablis, ein Hütehundmix aus den Karpaten ist seit 8 Jahren unser bester Begleiter, ein Freund fürs Leben. Er hat es uns nicht leicht gemacht. Wir mussten viel lernen. Sich sein vertrauen erarbeiten. Jeden Tag aufs Neue. Aber er gibt uns so viel zurück.

Das Katinger Watt ist ein Naturparadies für unzählige Tiere und Pflanzen. Enstanden durch den Bau des Eider Sperrwerk. Und eine Bürgerinitiative hat gekämpft. Gekämpft für die Natur, gegen den Kommerz eines Tourismuskonzeptes mit mehr als 20. 000 Betten. Jetzt leben dort zeitweise 30. 000 Nonnengänse. Ist das nicht schön.

Wir sind schon tief im Katinger Watt, laufen auf ehemaligem Meeresboden und hören gebannt dem Zwitschern der Vögel. Erreichen einen Siel, legen uns beide auf die Lauer. Ein Eisvogelmann taucht vor uns gekonnt ins Wasser, eine Entenschar (Säbelschnäbler) mit ihren Küken verstecken sich im Schilf. Eine Bisam Ratte, ein Einwanderer aus Amerika, nähert sich bedrohlich, wird aber mutig und erfolgreich vertrieben. Es ist spannend. Mit vielen Eindrücken schlendern wir an der Minister Eiche vorbei und gelangen zu unserem Parkplatz. Miri und Elfie warten mit einem leckeren Frühstück auf uns. So kann der Tag beginnen.

Auf der Lauer

Es war unser Revier. Jeden Morgen stand Chablis mit der Leine schon parat. Wir wurden zu richtigen Vogelkundler. Gerne haben wir auch das Eider Sperrwerk besucht. Seid Jahren haben sich Küstenseeschwalben, Flussseeschwalben und Lachmöven an den Mauern ihre Nester gebaut. Es ist eine aufregende Zeit im Mai diese Kolonien bei der Aufzucht ihrer Küken zu beobachten. Lohnt sich, auch gut mit dem Auto zu erreichen. Einen guten Espresso und wer will ein Fischbrötchen gibt`s auch. Lecker. Gute Infos bekommt man nicht unweit im NABU Zentrum. Die jungen Praktikanten sind mit Freude und Eifer dabei. Erklären gerne die Tier und Pflanzenwelt im Naturpark Wattenmeer.

Auch die Natur vermag uns nichts zu geben, als was wir selber ihr entgegenbringen.

Mein Merida Reacto wartet ungeduldig auf eine gemeinsame Ausfahrt. Das Wetter wurde sonnig bis heiter. Es blies eine leichte Brise. Beste Bedingungen. Mein erstes Ziel sollte die Hamburger Hallig sein.

sonnig bis heiter

Mein Rennrad schnurrt wie ein Kätzchen. Leicht fahr ich die endlos weite Strassen der friesischen Küste entlang. Land so weit das Auge reicht. Schafe mit ihren neugeborenen Lämmern säumen meinen Weg. Über einen kleinen 4 km langen Damm erreiche ich die Hallig. Hungrig steige ich vom Rad. Gut das ich ein Tisch reserviert habe. Erik Brak ist ein wirklich guter Koch und hat aus seinem Restaurant Hallig Kog ein lohnendes Ziel gemacht. Ich gönne mir ein Glas Riesling aus dem Rheingau. Mit einer Husumer Krabbensuppe werden meine müden Geister wieder zum Leben erweckt. Ein Lamm über Wiesengras geräuchert verführt mir meine Sinne. Mit Miri und Elfie, die schnöde mit dem Auto mir nach gereist sind, stoße ich auf dieses kulinarische Highlight an.

Hamburger Hallig
Am grauen Strand, am grauen Meer und seitab liegt die Stadt; der Nebel drückt die Dächer schwer, und durch die Stille braust das Meer eintönig um die Stadt.

Ein wichtiger Grund warum wir unseren Urlaub auf Eiderstedt verbringen ist der Strand von St. Peter Ording. Wir wollen doch das Meer. Es ist oft nicht da. Ebbe und Flut im Rhythmus der Gezeiten. Die Deiche versperren den Blick. Und so ist es eine feine Sache mit dem Auto auf den Strandparkplatz zu fahren. Chablis ist immer ganz aufgeregt. Er kennt den Weg zum Hundestrand auswendig. Dort stürmt er auf Artgenossen, tobt, checkt ab und die Hundeseele ist glücklich. Der Strand ist weitläufig. Reiter, Wave Boarder, Muschelsucher und Sonnenanbeter: jeder hat seinen Raum. Die Pfahlbauten am Strand sind das berühmte Markenzeichen von St. Peter. In der Strandbar 54° Nord, bei einem vitalisierenden Cappuccino lasse ich meine Blicke und Gedanken über die Nordsee schweifen. Herrlich.

SPO

Bleibt gesund, bleibt mir treu. LG EUER COACH

Auf dem hohen Küstensande

Auf dem hohen Küstensande
Wandre ich im Sonnenstrahl;
Über die beglänzten Lande
Bald zum Meere, bald zum Strande
Irrt mein Auge tausendmal.

Aber die Gedanken tragen
Durch des Himmels ewig Blau
Weiter, als die Wellen schlagen,
Als der kühnsten Augen Wagen,
Mich zur heißgeliebten Frau.

Und an ihre Türe klink ich,
Und es rufr so süß: Herein!
Und in ihre Arme sink ich,
Und von ihren Lippen trink ich,
Und aufs neue ist sie mein.

Theodor Storm (1817 – 1888)

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